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Verkehrsreich Indien

Oh man, der indische Verkehr. Das ist wirklich eine Sache für sich. Ich glaube ich würde eher eine ganze Woche in Paris oder Rom Auto fahren, als einen Meter hier.Während ich schreibe – mal wieder auf Halde, weil im Büro keine Zeit und im Hotel kein Internet ist – sitze ich im Firmenwagen, der mich ins Büro bringt. Ich weiss also sehr gut, wovon ich spreche.

Ich frage mich, ob es hier überhaupt Verkehrsregeln gibt. Wenn ja, dann interessieren sie keine Sau. Okay – sie kennen Ampeln, und die meisten halten an einer Ampel sogar an. Und die meisten fahren immerhin auf der richtigen Straßenseiten. Wenn ich „die meisten” sage, dann ist das auch so gemeint: Wenn nicht, dann halt nicht. Interessiert wirklich niemanden.

Und die Straßen sind unglaublich voll hier. Von den mehr als eine Milliarde Indern scheint jeder ein Auto zu haben, und hier in Bangalore unterwegs zu sein. Die Straßen sind unfassbar v oll zu jeder Tages- und Nacht-Zeit. Voll mit Autos, Bussen, Tuk-Tuks (das ist so eine Art Rikscha-Motorrolla), Mopeds, Rollern, Motorrädern, Fußgängern und Ochsengespannen. Letztere sind zwar selten, kommen aber vor.

Das universelle Werkzeug im Straßenverkehr hier ist die Hupe. Jeder hupt. Zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit. Es kann schon mal vorkommen, dass der Fahrer Nachts auf dem Rückweg auf freier Strecke ohne erkennbaren anderen Verkehr oder sonst jemandem, der es hören könnte, hupt. Und das NICHT aus Versehen – das ist so gemeint und so gesollt. Ich habe versucht zu verstehen, zu welchen Anlässen man in Indien hupt, aber das habe ich rasch wieder aufgegeben: Es gibt kein erkennbares Muster. MEISTENS heißt es in etwa „Verpisst euch alle, ich will durch”. Interessiert nur wirklich niemanden: Wenn man in Deutschland hupt kann man sich sicher sein sofort jedermanns Aufmerksamkeit zu genießen. Hier kriegt man gar nicht mehr wirklich mit, wer hupt, weil es jeder tut.

Der Straßenzustand ist ein anderes: Die meisten Hauptstraßen in der Stadt sind zwar geteert, aber das heißt nur, dass die Schlaglöcher nicht mit der Zeit abgeschliffen, sondern immer tiefer werden. Und wenn man von den Hauptstraßen abbiegt ist man schnell mal auf irgendwelche Sand- oder Geröllpisten, für die man wirklich einen Geländewagen braucht.

Oh, und nicht zu vergessen, die die Radarkontrolle ersetzenden und überall anzutreffenden „Speed Ramps”, das sind diese Geschwindigkeitshubbel. Die gibt es hier wirklich auf jeder Straße in nicht vorherzusehenden Abständen und ohne irgendwelche Vorankündigungen. Da die Dinger eine nicht zu verachtende Höhe haben, und selbst einem Geländewagen ordentlich schaden können, fährt keiner extrem schnell. Das höchste, was ich in der Stadt bisher hatte, war so etwa hundert.

Mit der Gangschaltung haben sie es auch nicht, das ist nur ein Utensil um entweder zu verhindern dass der Motor ausgeht, oder um noch irrer über die Pisten zu brettern. Alles dazwischen ist relativ uninteressant für die, insbesondere so Sachen wie Sprit sparen: Wen kümmerts?

Das macht sich dann auch – insbesondere bei dichtem Verkehr – durch einen blau-grauen Dunst über der gesamten Straße bemerkbar. So muss also echter Smog aussehen. Und entsprechend stinkt es auch überall auf der Straße nach Abgasen. Mir tun entsprechend die armen Leute sehr leid, die entlang der Straße ihren „Verkaufsstand” (sprich: Aufgeschichtete Kokosnüsse) haben.

Ein Teil der Staus auf den Straßen kommt übrigens nicht durch die Ampeln zustande, sondern durch mehr oder weniger ineinander fahrende Autos. Man fährt einfach mal drauf los, ob/wenn man damit anderen den Weg versperrt, und sich ineinander verkeilt, ist nicht das eigene Problem, sondern das der eigenen. Hauptsache man selbst versucht mal weiterzukommen,

Die Polizei versucht zwar dem Chaos ein wenig Herr zu werden, und baut regelmäßig Straßensperren und so was auf, das bringt aber nicht viel, weil sie jeder ignoriert, und die Polizei offenbar auch nicht wichtig genu ist um Ernst genommen zu werden.

Zum Abschluss noch was zur Fahrzeugsicherheit: In Deutschland ist die TÜV-Pflicht ja eigentlich eher ein Ärgernis, und manche Prüfer nehmen es vielleicht auch ein wenig zu genau. Wenn man aber sieht, was die hier auf die Straße lassen, dann dankt man dem Staat für seine Voraussicht. Überraschenderweise sieht man kaum wirklich auseinanderfallende alte Schrottlauben. Trotzdem sind die Autos oft fern von verkehrssicher: Gestern Abend sollte uns ein Auto zurück zum Hotel bringen. Schon aut dem Firmengelände fiel uns auf; dass der Fahrer vor allem eins nicht kann: Fahren. Ausserdem gingen seine Lichter nicht (was er nicht so wichtig fand, es gibt ja auch keine Straßenlaternen, wozu also Licht am Auto), und seine Scheibenwischer – trotz Regen – auch nicht. Und als mein Kollege und ich uns dann geweigert haben mitzufahren, weil er meinte, er hätte zum wischen der Scheibe ja ein Tuch, war er sichtlich angepisst und konnte das gar nicht verstehen: Es war doch alles okay?

Generell ist das mit den Fahrern eine feine Sache: Jeder hier hat einen Fahrer, egal ob privat oder von der Firma gestellt. Das ist offenbar so billig, dass es sich quasi leisten kann. Wir bekommen jeden Tag von der Firma ein Auto zum Hotel geschickt, was uns abholt, und Abends werden wir entsprechend auch zurückgebracht. Nix Taxi oder so, richtige „Firmenwagen”, wenn man diese Geländewagen so nennen will,

Da wir fast da, und die Batterien fast leer sind mache ich jetzt mal Schluss, und wünsche euch in Deutschland eine gute Fahrt. ;)

3 Kommentare

  1. Jott

    Nicht schnell, höchstens 100 in der Stadt? Ich weiß ja, dass du gern schnell fährst, und ich habe bekanntermaßen auch selbst eigentlich nichts dagegen, aber 100 IN der Stadt finde ich schon schnell?!

  2. HP

    Ja, bei diesen alten Kisten gehen die Tachos oft nach. Dann zeigt es einiges weniger an. Ansonsten drosselt die Verstopfung gelegentlich schon das Tempo.

  3. Sab

    Folgende dpa-Meldung entlockte mir heute morgen (07.04.2008) ein breites Grinsen: Ständiges Hupen gehört für viele Inder zum Autofahren wie Gas geben oder Bremsen. Doch heute sollen die Hupen in der westindischen Millionenstadt Bombay schweigen – zumindest nach dem Willen der Polizei. Die Verkehrspolizei in der Wirtschaftsmetropole hat zum UN-Weltgesundheitstag Motorrad- sowie Autofahrer gebeten, die Finger von der Hupe zu lassen. Die ständige Lärmbelästigung habe Einfluss auf die Gesundheit der rund 15 Millionen Einwohner der Stadt. :-D Meine Einschätzung: hat sich sicher kein Schwein dran gehalten.

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