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Chaos in Paris

Ich war ja letzte Woche unterwegs, in London und Paris. Während London wie immer war, war Paris etwas neues. Ich war da zwar schonmal, privat, aber das ist viele Jahre her. Und davon – und besonders von der Reise – muss ich mal erzählen.

Am Mittwoch Abend, noch Sandwiches aus London mampfend, teilte der Toni mir mit, dass die Lufthansa morgen streiken wird. Super. DAS kann man immer brauchen, wenn man nur für einen Tag weg muss. Nun gut. Also das Taxi flugs von 05:30 auf 04:30 vorverlegt – im Notfall kann man sich mit etwas Zeit auch den Weg zum Flugzeug freikämpfen.

Nach reichlich drei Stunden Schlaf also endlich mal wieder am Flughafen eingetroffen. Streik? Keine Spur. Normal lange Schlangen, keine Streikposten, keine Transparente, keine brennenden Reifenhaufen auf der Landebahn. Kurzum, mehr als eine Stunde Schlaf umsonst aufgegeben, aber der wird ja eh überbewertet. Um mir meine MIsere und die anderthalb Stunden bis zum Boarding etwas zu versüßen habe ich dann einen Kaffee und ein wirklich leckeres Baguttette gegessen, die zusammen auch nur beinahe ein Monatsgehalt gekostet haben.

Das Boarding selbst war unspektakulär, einmal mit dem Bus übers Vorfeld gegurkt, und einen 12-Minuten-Slot bekommen.  Ein Slot ist ein “Startfenster”, eine festgelegte Uhrzeit, vor der sich das Flugzeug nicht in Bewegung setzen darf. 12 Minuten bedeutet also 12 Minuten nach der ursprünglichen Startzeit. Das ist heute bei Flügen von oder nach stark benutzten Flughäfen eigentlich schon die Regel, denn die sind alle überbelegt.

Der Flug selbst war sehr angenehm – und hier kam der erste der beiden starken Kontraste raus: Lufthansa versus British Airways. Angesichts meines Wissens um den Rest der Reise (siehe unten..) fällt es mir schwer das zu sagen, aber die LH gewinnt doch klar gegenüber der BA. Insbesondere im Bezug auf das Personal, das bei der LH viel weniger bestimmt sondern mehr höflich-freundlich ist. Ausserdem sind die Sitze sehr viel gemütlicher, bieten mehr Platz, sind weicher, und haben eine andere Kontour im Rückenteil. Ich persönlich finde die Flugzeuge innen auch freundlicher und hochwertiger gestaltet, aber ob das eine Wichtigkeit hat ist sicher Ansichtssache.

Im Landeanflug kam der Pilot dann mit der ersten echten Hiobsbotschaft des Tages: Das Bodenpersonal in Frankreich streikt teilweise. Wie schön! Betraf uns dann insofern, dass die Koffer zwar aus dem Flugzeug ausgeladen, dann aber auf dem Acker abgestellt wurden. Jeder durfte sich sein Zeug dann selbst mitnehmen. Gut, Gepäck hatte ich keins, wie auch die allermeisten anderen Fluggäste, trotzdem durften wir alle statt der überdachten Fahrgastbrücke die Treppe aufs Flugfeld nehmen, am Kofferhaufen vorbei, und dann die Treppe wieder rauf. Dass es regnete ist Ehrensache.

Über das Terminal gibt es nicht so ganz viel spektakuläres zu berichten – ein typisch französischer Bau aus den 70er-Jahren. Heisst: Viele sehr komische Bau-Lösungen, bei denen man sich fragt, ob es Kunst oder Pragmatismus ist, oder ob man den Versuch beides zu vereinen lediglich versaut hat? Darunter zum Beispiel der Haupt-Innenhof, durch den zahlreiche überdachte Rolltreppen fahren, oder eine ganz furchtbar lange Laufbandkonstruktion, die in abenteuerlichen Windungen durch die Gegend führt. Man kann das auf dem Satellitenbild sogar beides erkennen. Ein Blick lohnt sich – ernsthaft die seltsamste Konstruktion, die ich seit langem gesehen habe.

Jetzt erstmal Taxis finden – was in Paris gar nicht so leicht ist. Am Flughafen, der etwa tausend Ausgänge hat, schildert man den Weg zum Taxistand nämlich nur an dem Ausgang aus, wo die Taxis auch fahren. Das beschleunigt die Suche ganz erheblich – aber machte die Warteschlange nicht kleiner. Offenbar geben alle anderen genausowenig auf, wie ich. Nach fast zehn Minuten wartens und inzwischen fast eine Stunde zu spät saß ich im Taxi, und konnte mich sogar relativ gut mit dem Fahrer – wohlgemerkt auf Französisch – verständigen. Fünfzig Euro kündigte er mir an, mit einer stark vom Verkehr abhängigen Fahrzeit.

Tja, und dann kam erstmal lange nichts. Was ich nämlich nicht wusste: Neben dem Flughafen-Bodenpersonal streikten nämlich auch die LKW-Fahrer. Und wie es scheint machen die das in Frankreich richtig gründlich, denn auf allen Straßen in Richtung Paris ging gar nichts mehr, teilweise mit bis zu 120 Minuten Wartezeit. Zu Fuß wäre ich schneller gewesen, sieht man davon ab, dass es sich über die Autobahn bei Regen nicht so gut latscht.

Mit inzwischen zweistündiger Verspätung traf ich dann schließlich im Büro der Firma ein. Und wurde direkt von französischer Technik beeindruckt, die sie dort in die Fahrstühle einbauen: Vor jedem Aufzug steht ein Panel mit Zahlentasten, auf dem man die Nummer des Stockwerks drückt, wo man hin will. Ein kleines Display sagt einem dann, welchen Aufzug man nehmen soll. In der Kabine selbst gibt es überhaupt keine Zahlentasten mehr, nur noch Alarm, Tür auf und Tür zu. Finde ich wirklich eine schlaue Lösung – so kann man die Aufzüge wirklich zielgerichtet einsetzen, ohne dass einer an zehn Etagen hält, während die anderen einfach rumstehen.

Über die Meetings selbst gibt es nicht viel zu erzählen, Meetings halt.

Kurz nach dem Mittagessen, so gegen drei Uhr, wurde es dann aber doch wieder spannend, denn die zweite Hiobsbotschaft kam herein – in Form einer SMS von der Lufthansa. Ich zitiere: “Ihr Flug LH4265 CDG-HAM 19Jun 19:55 wurde leider annulliert! Für weitere Informationen rufen Sie bitte an”. Kurz, prägnant, Lufthansa. Den Hinweis zum Anruf habe ich dann auch gleich mal wild befolgt: “Und Sie können nicht in Paris bleiben?” – “Nein. Ich bin für einen Tag hergekommen, und ich habe nichts zum Wechseln dabei” – “Gut, dann kann ich Ihnen folgendes anbieten: Sie fliegen um 18:35 von Paris nach Frankfurt, und von da um 20:35 weiter nach Hamburg, wo Sie dann 21:35 ankommen”. Da das nur zehn Minuten nach meiner ursprünglichen Ankunftszeit war habe ich aufatmend eingewilligt, zur Abwechslung das Taxi wieder vorgezogen, und in den Meetings eben etwas schneller gesprochen.

Die Taxi-Rückreise war dann ein kleines Highlight, denn statt einem normalen Taxi bestellte man eine richtige Limousine. Warum weiß ich nicht, und danach gefragt habe ich auch nicht, aber der exzellent englisch sprechende Fahrer wartete, und Zeit auf ein Taxi zu warten hatte ich beileibe auch nicht mehr, also was solls. Sowas kann ich mir auch mal gönnen, und es war auch überraschenderweise kaum teurer als ein normales Taxi.

Die weitere Rückfahrt zum Flughafen war dann unspannend, ebenso wie das warten. Ich kann nur vermelden, dass “CDG” zum warten ganz furchtbar ist. Die Satellitengebäude sind winzig, und haben fast keine Gastronomie oder überhaupt irgendwelchen Komfort. Dass der Flug fast 20 Minuten zu spät reinkam machte es dann auch nicht gemütlicher, und dass er ebenfalls 20 Minuten zu spät abhob den Rückflug nicht entspannter. Aber immerhin – fast 40 Minuten Turnaround in Frankfurt, und ich bin für beide Flüge geboarded, also was soll schon groß passieren?

Tja. Kurz nach der Landung in Frankfurt, noch auf dem Rollfeld, mache ich nichtsahnend mein Handy an um auf die Uhr zu gucken. Und Hiob schlug wieder zu, erneut in Form einer SMS der Lufthansa. Ich zitiere: “Ihr Flug LH026 FRA-HAM 20:35 ist leider verspätet, voraussichtlich 22:00″. Und wer Terminal 1 in Frankfurt kennt, der weiß, dass dort warten müssen nur wenig mehr stinkt, als der Schlund der Hölle.

Als klar war, dass das kein Scherz ist, war mein erster Schritt die Suche nach anderen Hamburg-Flügen, von denen es genau noch einen anderen gab. “Gibt es noch Plätze?” – “Nein, wir sind bis auf Warteliste voll”. Um mich rum sechs andere Fluggäste: “Das beantwortet auch unsere Frage, danke”. Schön, wenn man helfen kann.

Der nächste Schritt war der Kontakt mit dem “Transfer-Desk”. Nach fast einer halben Stunde warten durfte ich mein Anliegen vortragen: “Kriegen Sie mich in IRGENDEIN Flugzeug, von mir aus fliege ich auch über Berlin und München, aber bitte lassen Sie mich hier nicht fast zwei Stunden sitzen”  Nein, sowas sei leider nicht möglich. “Wie sieht es dann mit einem Gutschein aus?” Ja, da könne man mir gerne weiterhelfen.

Und MANN hat die Lufthansa mir weitergeholfen. Nachdem sie meinen Flug gestrichen haben, ich über eine Stunde Arbeitstag verloren habe, und jetzt auch noch mehr als eine Stunde später zuhause ankommen werde, und statt knapp über anderthalb Stunden jetzt insgesamt viereinhalb Stunden unterwegs bin, da hat sich die Lufthansa wirklich nicht lumpen lassen, und mir einen Gutschein ausgestellt. Auf dem stand dann tatsächlich, man lade mich auf Kosten der Lufthansa zu einem Abendessen ein, mit einem sensationellen Gegenwert von: 10,- Euro.

Ich nahm also mein Papier und meine inzwischen hundsföttisch schwer wiegende Tasche, und machte mich auf die Suche nach irgendeinem Platz, wo man Essen und Trinken kaufen kann.  Das war nicht so einfach wenn man weder Schlange stehen, noch für 37 Euro dinnieren wollte. Schließlich fand ich dann doch eine kleine Klitsche, wo die Schlange nur acht Meter lang war.

Die Wartezeit gab mir dann noch Gelegenheit ein internationales Drama mitzuerleben: Ein asiatischer Opa wollte nicht einsehen, dass er seine Cola weder mit Kreditkarte, noch mit einem 100-Euro-Schein bezahlen konnte. Eine wartende Dame hatte schließlich die Schnauze von seinem Gemenge voll, bezahlte für ihn mit und wechselte ihm den Schein. Offenbar witterte Unrat, und begann sie quer durch die Halle anzumachen, er hätte für sie mitbezahlt, das sei alles so “not correct”. Wieviel Sie ihm denn schulde? 3,80! Die gab sie ihm, mit einer abwinkenden Handbewegung gegenüber den Mitreisenden. “Wot do you mean by dis?” – äffte sie nach, und schmiss ihr schließlich das Geld vor die Füße. Naja. Ich habe meine Cola und Sandwich genommen, und bin gelaufen.

Am Gate habe ich den Rest der Zeit dann damit zugebracht mich über die hohen Herren zu amüsieren, die tobend vor dem Schalter standen und sofortige Beförderung verlangten, und dass das Personal der Lufthansa doch gefälligst mal ein wenig Flexibilität zu zeigen hätte. Irgendwann frage ich mal laut, ob sie mit “flexibel” den Schließmuskel meinen, aus dem der Schaltermitarbeiter offenbar das fehlende Flugzeug ziehen soll.

Der Rückflug brachte schließlich ein wenig Entschädigung mit sich. Der Pilot zeigte sich sehr locker (sind die bei der LH offenbar alle), informierte, dass zehn Kurzstreckenflugzeuge kaputtgegangen seien, was natürlich kaum auszugleichen isr, dass sie das Flugzeug erst aus Barcelona hätten herbingen müssen, was nun auch mal nicht eben so geht, und dass das Fußballspiel für uns recht gut steht. Und darüber hinaus war der Sonnenuntergang auf dem Flug wirklich spektakulär, sowas Schönes habe ich bisher weder in echt, noch in Bildern jemals gesehen.

Am Flughafen in Hamburg, kurz nach elf, hatte ich dann noch ziemliche Probleme ein Taxi zu finden, was Kartenzahlung akzeptiert. In der Diskussion des Kartenzahlungsthemas mit dem Fahrer kam heraus, dass eigentlich jedes Taxi am Flughafen Karte akzeptieren muss, und dass es ihm leid tut, dass es so blöd lief. Das fand ich dann so aufrichtig und nett, dass ich noch schnell Bargeld geholt habe, und ein ordentliches Trinkgeld gabs dazu.

Und dann war ich daheim. Zeitweise hatte ich daran schon gar nicht mehr geglaubt..

3 Kommentare

  1. HP

    Jetzt verstehe ich… Reisen bildet!!!

  2. Toni

    Hehe. Ein kleines Männchen auf den Irrwegen dieser Welt. *leise kicher*

  3. Anonymous

    Hehe Eine gute Reise wieder nach Paris

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