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Health Claims – wider die Pottsau

Ganz heimlich, still und leise hat die EU uns mal etwas – meiner Ansicht nach – gutes beschert, nämlich eine neue Verordnung. Sie nennt sich Health Claims, und hat sich das hehre Ziel gesetzt der Nahrungsmittelindustrie den Stinkefinger zu zeigen. Und das mit Recht.

Besehen wir uns die Situation: Functional Food, wie es neudenglisch genannt wird, ist in aller Munde. Es reicht nicht mehr aus dass ein Nahrungsmittel satt macht, nein, es muss eine Funktion haben – vornehmlich eine gesundheitsfördernde, weil dann wird gekauft.

Nun ist es so, dass die Natur sich eher ungerne unseren funktionellen Forderungen dienstbar macht. Folglich kann man mit Wurst weiterhin nicht den Krebs heilen. Angesichts dieses Starrsinns greift der schlaue Großindustrielle zu zweielei Maßnahmen: Entweder er baut ein neues Lebensmittel zusammen – oder dichtet seinem Gewerk subjektive Wohltaten an, die nicht drin sind. Oder er macht halt gleich beides.

Ein schönes Beispiel für eine gelungene solche Kombination ist der probiotische Joghurtdrink, eine antibakterielle Plörre aus Resten der Joghurtproduktion, angereichert mit verdauungsfördernden Keimen. Jener Matsche wird dann angedichtet die Abwehrkräfte zu fördern.
Nun, grundsätzlich stimmt das: Wer nichts isst oder trinkt, der hat Probleme mit den Abwehrkräften. Insofern lässt sich das Werbeversprechen auch auf eine Portion Pommes anwenden. Ironischerweise bedurfte es aber nicht Health Claims, um dem ein Ende zu setzen – unser eigenes Recht deckt die Sache bereits auf: Produkte, die nachweislich die Gesundheit fördern (!) sind Arzneimittel, und insofern Apothekenpflichtig.
Aber ganz davon abgesehen trägt das Produkt sicher doch noch zur Abwehr bei – spätestens wenn man weiß, was drin ist. Eine entsprechend aufrichtige Werbung müsste nämlich lauten: “Mit dem besten aus der Hundekacke”.

Während die einen die Milch verunreinigen begeben sich andere auf subtileres Niveau. Und hier konnte Health Claims schon ein erstes Ergebnis – sprich Gerichtsurteil – erreichen. Und zwar gegen die sonst so gepriesene Bionade. Konkret hat die Firma gleichen Namens versucht dem Hersteller Bios zu verbieten, seine Limonade zuckerfrei zu bezeichnen. Dem konnte sich das Gericht zwar nicht anschließen – wohl aber der Gegenklage von Bios, dass die Bionade nicht “viel” Calcium enthielte. Viel ist viel – das hat Health Claims ganz klar festgelegt. 15% des Tagesbedarfs müssen es sein, und die hatte die Bionade leider nicht.

Ich hoffe dass Health Claims, wenn es denn mal vollständig in Kraft ist, auch etwas gegen suggestivwerbung tun wird. Zum Beispiel “Reich an Vitamin C” oder “Arm an Fett”. Ich sehe das ja pragmatsch: Wenn die EU-Gesundheitsminister darauf hinweisen, dass Rauchen schädlich ist, dann können sie doch auch mal in vergleichbarer Form darauf hinweisen, dass die tatsächliche Wirkung von Fettarmut bzw. Vitaminreichtum klinisch nicht bewiesen, und insofern jeder gesundheitsfördernde Zusammenhang erstmal ein Ammenmärchen ist.

Hübsch übrigens auch die Reaktion des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Einer dem Namen nach grundsoliden Truppe. Ich zitiere:
“Insbesondere ist der bisherige ordnungspolitische und gesetzgeberische Ansatz ohne Not ins Gegenteil verkehrt worden. Galt bisher, dass erlaubt ist, was nicht verboten ist, so wird in Zukunft gelten, dass verboten ist, was nicht erlaubt ist (Verbotsprinzip).”

Na och: Man darf nicht mehr Schweinekotze in Dosen verkaufen, bis es jemand verbietet?

2 Kommentare

  1. Dru

    Wie gemein. Wie soll denn dann der durchschnittliche Stadtmensch an Schweinekotze kommen?

  2. lampe

    Dosen kaufen.

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