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Die Mär der Lastverteilung

Unsere Bundesregierung hat ein Papier vorgelegt, in dem sie ganz viel von Energie spricht. Sie spricht von ein bißchen länger Atomkraft, ein bißchen viel mehr andere Kraft, sie spricht von besserer Speicherung, und dann hat sie auch noch ein Märchen parat. Es erzählt von einem Smart Grid – einem Energienetz welches (neben dezentral) auch schlau sein, und den Energieverbrauch besser regeln soll.

Zu den meisten Punkten kann ich nur nicken. Atomkraft? Ja, danke. Um so viele Windräder zu bauen brauchen wir eine ganze Weile, und das böse Erdöl zu verbrennen ist ja nicht mehr so ganz salonfähig. Also was soll es denn sonst sein? Wenn ich entscheiden müsste, ob ich lieber Atromstrom oder Dunkelheit nehme fällt mir die Entscheidung nicht ganz so schwer. Aber, es muss eine Perspektive geben.
Die bietet die Regierung mit an: Weg vom Atom, dem Erdöl und dem Erdgas, und hin zu allen anderen Methoden. Wind, Sonne, Biogas, das weiss jeder, die können was!
Auch dem schon etwas diffizileren Thema Energiespeicherung widmete man sich, mit Sinn: Die ganzen regenerierbaren Energien unterliegen nun einmal den Launen von Mutter Natur, welche sich beharrlich dem Bedarf von uns modernen Industriemenschen widersetzt. Also muss man die Energie von einem sonnigen Tag irgendwo speichern, statt billig an die gierigen Nachbarn zu verschleudern.

Der Sinn hört aber auf beim Smart Grid. Die Grundidee dahinter klingt erstmal toll: Ein schlaues Energienetz mit klugen Endgeräten soll den Verbrauch durch cleveres schalten in die Zeiten legen, zu denen der Strom billig ist – und das ist er immer dann, wenn ihn niemand dringend braucht.
Und da gehen die Ungereimtheiten los. Ein gutes Beispiel ist die Waschmaschine. Die könnte ja auch Nachts um drei.. und genau jetzt hören sie meine Nachbarn wild röhren. Denn Nachts um drei wollen die meine Waschmaschine einfach nicht hören – sogar Abends um neun verbitten sie sich das bereits. Aber es gibt ja noch mehr Geräte – wie wäre es denn mit dem Kühlschrank? Spiegel Online zum beispiel suggeriert, dass der ja kühlen kann, wenns billig ist. Jagut – aber was macht er dann tagsüber? Ein normaler Kühlschrank muss ein bis zwei mal die Stunde anspringen um nachzukühlen – wäre die Isolierungstechnik schon so weit, dass er das nicht müsste, hätten uns das die Hersteller sicher nicht verschwiegen, und statt einem smarten Stromzähler einfach eine Uhr eingebaut. Man müsste nicht einmal Sommer- und Winterzeit..! Abgesehen davon verbraucht ein guter Kühlschrank aufs Jahr gerechnet schon jetzt weniger Strom als eine Energiesparlampe.

Die ganze Idee klingt revolutionär – aber das Problem ist, dass sie schonmal da war, und auch schonmal gescheitert ist. Erinnert sich noch jemand an die Telefontarife von 1998? Da hat die Telekom die nämlich revolutioniert, und den sensationellen Nachttarif eingeführt: Von 3 bis 5 war telefonieren billiger wie vor der Tarifreform. Und damit haben sie damals – fast so wie die Regierung heute – ernsthaft geworben: Zu einzelnen Tarifzeiten sei das jetzt günstiger als je zuvor, also sollte man das doch auch nutzen.

Damals haben die Bürger bereits erkannt, dass das nicht so gut funktioniert. Und das werden sie bezüglich des Smart Grids wieder müssen: Ich würde mal grob schätzen, dass 90% aller häuslichen Stromverbraucher verbrauchsabhängig sind: Sie brauchen dann Strom, wenn man sie benutzt. Und da liegt eben das Problem – durch unseren geregelten Alltag können wir die meisten Dinge eben nicht zu einer Zeit nutzen, wo das sonst niemand tut. Nicht einmal der Energiefresser Nummer 1, die Heizung, wird Nachts mehr benutzt, und meistens nicht einmal elektrisch betrieben – Krüppel wie den Nachtspeicherofen mal ausgenommen.

Ich würde sogar noch weiter gehen, und behaupten, dass uns sowas mehr Probleme schafft, als es löst. Die Energiebalance ist ein heikler Akt: Man braucht immer genau so viel Strom, wie verbraucht wird. Zu viel ist schlecht, zu wenig ist katastrophal. Im Moment ist das relativ einfach, denn die Energieverbrauchskurve ist jeden Tag annähernd gleich. Nachts ganz wenig, morgens sehr viel, mittags eher mittel, und dann am Abend nochmal viel. Das lässt sich sehr genau schätzen. Entsprechend kann man die Energieherstellung planen, und ein paar zusätzliche Kraftwerke hoch- oder runterfahren.
Bringt man in diese Gleichung jetzt aber auf beiden Seiten gleichzeitig dynamische Faktoren ein kann das nicht gut enden. Wenn mal in einer Nacht weder die Sonne scheint, noch der Wind weht, naja. Das klappt schon irgendwie. Aber wenn gleichzeitig das Smart Grid nicht schlau genug ist das zu erkennen, und schaltet ein paar hundert Waschmaschinen zu.. Immerhin haben wir dann wieder eine gesegnete Nachtruhe.

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