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Mysore

Am Wochenende, das ja nun schon ein wenig her ist, haben mich drei der Teamleader eingeladen Mysore zu besuchen. Das ist ein Städtchen, etwa 200 Kilometer von Bangalore entfernt, in dem ein recht großer Palast steht. Da wohnte früher mal der Prinz – und seine Verwandten wohnen noch heute da. Und von dieser Reise gibt es einiges zu berichten.

Frohen Mutes haben wir uns also Sonntags auf den Weg gemacht. Angesagt war 8 Uhr Abfahrt – und als guter Deutscher stand ich also 10 vor parat, mit etwas gemischten Gefühlen. Soo weit weg vom Hotel oder der Firma oder dem Flughafen war ich noch nie! Pünktlich um 10 nach kam die SMS, dass es ein wenig später würde. Ein wenig später ward dann 9 Uhr und 50 Minuten. Was ich nicht wusste war, dass wirt unterwegs noch einen Kollegen abholen werden – eine weitere Stunde Fahrt – und dass wir noch mindestens eine Stunde durch die Stadt kurven müssen, bis wir freie Straße erreichen.

Aber so gegen 12 war es dann soweit – Bangalore lag hinter uns, die “freie Strecke” vor uns. Jene ist, zu meinem bassen erstaunen, durchgehend vierstreifig, und überwiegend mit baulich getrenntem Mittelstreifen. Natürlich auch mit den typisch-indischen U-Turn-Buchten, wo man also die Seite wechseln, und reichlich Unfälle provozieren kann, und ferner mit den üblichen “Speedbumps”, also Geschwindigkeitshubbeln, damit des Inders Freiheitsdrang in wohlberechneten Grenzen gehalten wird. Dennoch: Die Straße war okay!

Wer allerdings annimmt, dass, mit Bangalore im Rücken, neben der Straße auch offenes Land vor uns lag, der irrt. Fast auf der gesamten Strecke war neben der Straße mehr oder weniger viel gebaut. Kleinere und größere Ortschaften sind ja ganz normal. Aber hier steht ständig irgendwas: Wenns keine Häuser sind, dann Hütten. Und wenns keine Hütten sind, dann Zelte. Irgendwer lebt da immer, und das auf der gesamten Länge der Straße.

Im Unterschied zu Bangalore sieht man ausserhalb allerdings den “typisch indischen” Verkehr: Mopeds mit zwei Meter hoch aufgeschichteten Zuckerrohren oder auch mal einer Familie plus ihrer gesamten Habe. LKWs mit vier Meter hoch aufgeschichtenen Kokosnüssen. Pferde-, Ochsen-, und Eselsfuhrwerke. Frauen, die Krüge mit gut und gern 50 Litern Wasser drin aufm Kopf herumtragen, und dabei an beiden Händen zwei bis drei Kinder hinter sich herziehen.

Und entlang der Straße gibt es – neben vielen Leuten – auch gleichzeitig alles zu kaufen, was man brauchen könnte, während man gerade so von einer Stadt in die andere fährt. An alle Arten von Lebensmitteln, insbesondere Pflanzensäfte wie Zuckerrohrsaft, Melonensaft und Kokosnussmilch habe ich mich inzwischen gewöhnt. Aber hier gibt es auch: Tonwaren jeder Art und Größe. Riesenplüschteddybären – vornehmlich in grell-pink. Rattansessel und Korbmöbel. Aufblasbare Gummischwimmhilfen in Inselform. Taschenrechner und Rolexuhren mit garantiert echtem Echtheitszertifikat. Töpfe und Pfannen. Bei so viel Auswahl fragt man sich, wozu die hier Supermärkte haben.

Nach einem kleinen Frühstücks-Zwischenstopp unterwegs haben wir dann zuerst den/die/das Mysore Bird Sanctuary angesteuert. Ein, äh.. ein Vogelpark? Jedenfalls gehts da um Vögel angucken.
Einen solchen hätte ich beinahe den Leuten im Kassenhäuschen auch gezeigt – denn dort habe ich Rassismus auf gut indisch erlebt. Auf der Preistafel steht ganz selbstverständlich drauf: Adult – 20 Rs. Child – 10 Rs. Foreigner – 60 Rs. Ausländer (!!!!) bezahlen also verdammte DREI MAL MEHR als Inder – ohne irgendeinen erkennbaren Grund! Ich meine, bei irgendwelchem religiösen Krams kann ich da noch irgendwelche Begründungen abseits der Raffgier finden, aber bei einem Vogelpark? Nunja – da meine indischen Freunde für mich bezahlt haben habe ich meinen Ärger wieder eingepackt, und mich darauf beschränkt ihnen zu erklären, wie sehr uns der Arsch versohlt werden würde, wenn wir in Europa – und speziell in Deutschland – uns erdreisten würden auch nur darüber nachzudenken von irgendjemandem ausserhalb allgemein altersbezogener oder mildtätiger Kriterien (=Junge, Alte, Behinderte) abweichende Preise zu verlangen.
Aber gut. Vogelpark: Es geht drum, Vögel anzugucken. Die wohnen da wild, und nicht in irgendeinem Käfig. Das ist eine gute Sache. Nicht so gut fand ich hingegen, dass man, um sie zu sehen, in ein Boot steigen muss, mit dem man über einen Flussarm gerudert wird, in dem Krokodile schwimmen. Und wir sprechen hier nicht von einem stattlichen Kahn, sondern von einer überdachten Nussschale, die in der Waage gehalten wird indem ein Passagier im Heck die ganze Zeit Anweisungen kriegt, auf welche Seite er sich zu stellen hat. Brrrrr – ich meine, wir haben das ganze überlebt, keine Frage. Und die Krokodile in dem Fluss waren auch nicht von der amerikanischen Art, sondern ein gutes Stück kleiner. Fraglos können sie einem dennoch den Tag versauen.
Nach der Bootstour – für die man übrigens extra bezahlen muss, obwohl es die einzige Attraktion in dem Park da ist – gab es dann noch ein Minikrokodil zu sehen, das wohl vor kurzem in einer umliegenden Ortschaft gefangen wurde, und nun zu seinen großen Brüdern zurückgebracht wurde.

Nach Bird Sanctuary auf nach Mysore Palace. Groß, alt, prächtig, mit vielen Details. Und voll bis unter den Rand mit Indern – und nicht klimatisiert. Das war streckenweise zu viel für mich, so dass mir mehrmals schwindelig wurde – und ich irgendwann auch die ganze Pracht nicht mehr richtig bewundern und wertschätzen konnte. Ich wollte da raus – an die frische Luft, am besten in einem klimatisierten Auto, mit Wasser und weniger als 20 Leuten pro Quadratmeter. Aber weiter ging die Tour – und ich habe Tapfer durchgehalten, und auch die letzte Tür, das letzte Bild, den letzten Kronleuchter gebührend bewundert.

Derweil habe ich mich prächtig über die indische Bestechlichkeit amüsiert: Die Inder nehmen das mit Vorschriften ja meistens nicht so genau. Das sind mehr Richtlinien, die für die anderen gelten, und denen man folgen sollte, wenn man gerade Lust hat. Entsprechend sind im ganzen Palast reichlich Wachen positioniert, die zusehen, dass niemand was verbotenes tut – wie DOCH fotografieren und filmen, wie DOCH mit dem Handy telefonieren, wie DOCH die Ausstellungsstücke anzufassen. Wenn sie einen dabei erwischen kriegt man erstmal mit der Pfeife eins getrillert, dann kommt ein Wachmann angerannt der so stramm wie möglich steht um idealerweise größer als du zu sein, wird 30 Sekunden lang angeschrieen, was man sich denn einfallen lässt – und dann hält der Wachmann die Hand auf, empfängt seinen üblichen goldenen Handschlag mit 50 bis 100 Rupien (ein bis zwei Euro), und wünscht einem einen schönen Tag. Alle paar Minuten sieht man das. Ich war mir nicht sicher wie ich das finden soll – einerseits ist es drollig. Aber das ist es auch nur, solange ich hier nicht bleiben muss.

Nach dem Palace von innen haben wir uns auf den Weg in die Chamundi Hills gemacht, von wo aus man Mysore fein bei Nacht bewundern kann – insbesondere das beleuchtete Palace. Leider sind Nachtaufnahmen nichts, was meine Kamera leisten kann – und die Chamundi Hills sind ein ganzes Stück weit weg. Trotzdem war das schön anzuschauen – auch von nahem ist die Beleuchtung weiterhin spektakulär.

Und dann haben wir uns – ich inzwischen sichtlich fertig – auf den Rückweg gemacht. Unterwegs gab es noch Abendessen in einem “Dhaba” – einer Art Restaurant, wo man nach Dhaba-Art zubereitetes Essen in seiner eigenen kleinen, offenen Hütte am Straßenrand serviert bekommt. Da habe ich mir dann auch vermutlich meinen Magen verdorben – das Essen war zwar frittiert, und damit eher gut durch, aber angesichts der Tatsache, dass es da keinen Klo und kein Waschbecken irgendwelcher Art gab.. naja. Irgendwann musste es ja passieren.

Übrigens ist das sehr typisch indisch: Man geht zum kacken einfach auf die Straße oder ins Feld. Oder pullert irgendwohin. Und Müll – vornehmlich Plastik – , ja, den lässt man sowieso überall fallen, egal wo man gerade steht oder geht – denn es liegt ja eh schon überall welcher. Es gibt Leute, die behaupten Indien würde die kommende Weltindustrienation, und würde Europa und die USA bald überholen. Mag sein. Aber ich wende ein, dass die vorher an ihrem eigenen Dreck erstickt sind.
Ich meine – der Plastikstrudel im Pazifik, der so groß ist wie.. Europa? Da kann Indien locker mithalfen, nur dass es hier eben auf dem Land ist. Ein Stück Plastik pro Quadratmeter? Da können die Inder nur lachen. Ich war versucht zu sagen “Sie froh, wenn sie das Ziel erreichen würden” – aber das würde voraussetzen, dass sie das überhaupt interessiert, was es ganz einfach ü-ber-haupt nicht tut.

Ja. Und gegen ein Uhr waren wir dann wieder im Hotel – allesamt gut fertig. Und das war mein Abenteuer in Mysore!

1 Kommentar

  1. HP

    Danke für den tollen Bericht! Schriftsteller könntest Du auch mal überlegen…

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